Publication in “ZFD impuls”: “Zur Psychologie der Friedensarbeit”, nach der Tagung am 8. bis 10.4.2005.
Lisa Berman
Traumasensible Konfliktbearbeitung
Aus der Erfahrung ziviler Konfliktbearbeitung gilt: Nicht thematisierte, aus dem Prozess der Konfliktbearbeitung absichtlich oder unabsichtlich ãausgeblendete” schwere historische Erfahrungen mit der Gegenseite holen die Parteien immer wieder ein, wirken selbst bei aktuellem ãguten Willen” untergrŸndig weiter und sind ein Grund dafŸr, dass getroffene Vereinbarungen nicht halten und der Prozess der Konflikttransformation immer neue EinbrŸche erleidet. Erst wenn von beiden Seiten ein Verstehen einsetzt, kann diese Dynamik zur Ruhe kommen. Wie und zu welchem Zeitpunkt allerdings dieser Prozess des gegenseitigen Verstehens am besten ermšglicht und gefšrdert werden kann, lŠsst sich nur von Fall zu Fall entscheiden.
Die Erfahrung des Holocaust
Wichtige Erfahrungen entstanden vor allem aus dem BemŸhen, mit den Wunden des Holocaust umzugehen. Eine Begegnung in der ersten Generation nach dem zweiten Weltkrieg war kaum mšglich. Eine Konfrontation von TŠtern und †berlebenden war nicht zuletzt deshalb unmšglich, weil so wenige den Vernichtungsprozess Ÿberlebt hatten und die meisten Nazi-TŠter keine Verantwortung fŸr ihre GrŠueltaten Ÿbernahmen. Die Nachkommen der Opfer und TŠter, die das Schweigen durchgearbeitet und den traumatischen Teil ihrer Familiengeschichte akzeptiert haben, sind eher in der Lage, sich zu begegnen.
Ein Modell fuer eine Begegnung ist die von Dan Bar-On gegrŸndete Gruppe TRT (To Reflect and Trust). Er sammelte zunŠchst als praktisch arbeitender Psychologe Erfahrungen mit den langanhaltenden und transgenerationalen Folgen des durch den Holocaust verursachten Traumas in israelischen †berlebenden-Familien. Von dieser Erfahrung ausgehend, begann er, sich fŸr ãdie andere Seite” zu interessieren und brachte schlie§lich Kinder von Holocaust-†berlebenden und Kinder von NazitŠtern zusammen. Die Gruppenmitglieder erzŠhlten sehr ausfŸhrlich ihre persšnliche Geschichte. Nachdem sie dieses Vorgehen als Šu§erst fruchtbar erlebt hatten, stellten die Mitglieder sich die Frage, ob dieses Modell auch fŸr andere Konflikte hilfreich sein kšnnte. So wurden Akteure aus SŸdafrika, PalŠstina und Irland eingeladen, um, moderiert durch die TRT-Mitglieder, mit dieser Methode zu arbeiten.
GeschŸtztes ErzŠhlen
Das ErzŠhlen der eigenen Geschichte vor Menschen von der ãanderen Seite” kann eine gro§e Herausforderung darstellen und bedarf daher einen vergleichsweise geschŸtzten Raum, in dem die Einzelnen sich als Individuen šffnen kšnnen und sich nicht (oder nicht so sehr) als Vertreter von Gruppen empfinden, die vitale Interessen verfolgen. In aktuellen oder potentiell aktuellen Konflikten sind diese Voraussetzungen nicht erfŸllt, so dass das ErzŠhlen der Geschichte von den aktuellen Interessen im Konflikt oft nicht zu trennen ist. Es ist dann fŸr beide Seiten eine gro§e Herausforderung, den Geschichten der anderen Seite zuzuhšren, ohne dieses GeschichtenerzŠhlen als Mittel oder Strategie zu erleben.
In der traumasensiblen Konfliktbearbeitung ist ein gewisses Ma§ an StabilitŠt und Sicherheit fŸr die Konfliktparteien Voraussetzung, um sich der eigenen Geschichte stellen zu kšnnen. Dan Bar-On bezieht sich auf den Unterschied zwischen Peacemaking und Peacebuilding und ordnet seine Methode eher der Phase des Peacebuilding zu. Zu beachten ist, dass eine latente Aktivierung des Traumas, wie von Volkan beschrieben, zu einem Zusammenbruch des ZeitgefŸhls fŸhren kann, so dass das traumatisierende Ereignis gewisserma§en in der Gegenwart wiedererlebt wird. Dadurch kann die ãdritte Partei” symbolisch in die Rolle des Zuschauers geraten, der das Opfer nicht schŸtzen konnte oder wollte. In dieser Rolle wird die ãdritte Partei” unter UmstŠnden verdŠchtigt, sich unbewusst mit dem Aggressor zu identifizieren, ihm heimlich zuzustimmen. Dies lŠsst sich als Schutzmechanismus verstehen: Indem das Opfer sich gegen die unterstellte Identifikation der dritten Partei mit dem Aggressor zur Wehr setzt, kann es im Au§en bekŠmpfen, womit es innerlich noch selber ringt.
Traumasensible Konfliktbearbeitung hei§t:
Der Mut zu Trauern
Besondere ErwŠhnung soll in diesem Zusammenhang das Trauern bekommen. Traumata kšnnen nur konstruktiv verarbeitet werden, wenn man das, was man verloren hat, betrauern kann. Trauerarbeit ist kein einsamer Prozess. Er wird erst mšglich durch MitgefŸhl von anderen und durch gemeinsames Trauern. So wird der Schmerz mitteilbar, er bekommt fŸr beide Seiten Bedeutung, wird zu einer psychischen RealitŠt, wird wahrgenommen, gewŸrdigt. Im gleichen Ma§e kann sich das verlorene Vertrauen in die Mitmenschlichkeit wieder entwickeln. Trauern hei§t nicht nur Abschied nehmen, sondern auch Verarbeiten, Bilanz ziehen, Loslassen, Vertrauen aufbauen. Die Wiederherstellung von Vertrauen in sich selbst bzw. in die Anderen kann erst dadurch entstehen, dass Beunruhigung, Misstrauen und Angst Raum bekommen. Trauern hei§t Mit-FŸhlen, Mit-Leiden, woraus Einsicht erwŠchst. Trauerarbeit bedeutet nicht in erster Linie zu weinen, sondern sie besteht vielmehr darin, sich emotional dem anzunŠhern, was passiert ist und zu reflektieren, was das traumatische Ereignis fŸr die Betroffenen bedeutet. Es geht darum, den Schmerz zu empfinden und in diesem Empfinden nicht alleine zu sein. Trauerarbeit besteht also nicht nur im Zulassen der GefŸhle, sondern auch in der Chance, das eigene SelbstverstŠndnis zu reflektieren und zu differenzieren. Trauma ist das Thema von extremer Ohnmacht. Der Weg aus Trauma heraus ist nur dadurch zu finden, indem die Ohnmacht, die erlitten wurde, betrauert wird.
Dan Bar-On: Die Last des Schweigens, Kšrber Stiftung; ders.: Den Abgrund ŸberbrŸcken, Kšrber Stiftung, 2. Auflage 2002
Prof. Vamik Volkan 2003: GenerationsŸbergreifende Weitergabe gewŠhlter Traumata. Ein Aspekt von Gro§gruppenidentitŠt.