Publication in “ZFD impuls”: “Zur Psychologie der Friedensarbeit”, nach der Tagung am 8. bis 10.4.2005.
Lisa Berman
Compassionate Listening Ð EinfŸhlsam Zuhšren
Ein Feind ist ein Mensch, dessen Geschichte wir noch nicht gehšrt haben.
Gene Knudsen Hoffman
Compassionate Listening Ð EinfŸhlsam Zuhšren ist eine Methode, die zur Lšsung von Konflikten, zur Versšhnung und PrŠvention von Gewalt eingesetzt wird. Der Ausdruck wurde von der Amerikanerin Gene Knudsen Hoffman, einer Internationale Friedensaktivistin, geprŠgt. Sie formte das Konzept basierend auf ihren Erfahrungen mit ãQuaker Clearing Committees“ und entwickelte die Methode, nachdem sie erkannte, dass alle Parteien in einem Konflikt verletzt sind und gehšrt werden wollen. Ihr alles Ÿberragendes Prinzip ist, dass das gegenseitige tiefe Zuhšren der Geschichte die ungeheilten Wunden enthŸllt und beiderseitiges MitgefŸhl und VerstŠndnis hervorruft. ãUm Versšhnung zu erwirken, mŸssen wir erkennen, dass beide Seiten in irgendeiner Form Gewalt ausgesetzt waren, verletzt sind und dass die Wunden nicht verheilt sind. Von meinen Studien Ÿber âPosttraumatic Stress Disorder’ bei Holocaust Opfern und Vietnam Veteranen bin ich Ÿberzeugt, dass eine gro§e Quelle von Gewalt aus ungeheilten Wunden entsteht“.
Gene Knudsen Hoffmann wendete Compassionate Listening (C.L.) Ÿber 20 Jahre an und half Menschen aus unterschiedlichen politischen und kulturellen âLagern’ dazu, die Menschlichkeit im Anderen zu erkennen und damit den Boden fŸr echte Versšhnung zu bereiten, u.a. wŠhrend des ãKalten Krieges“ zwischen BŸrgerInnen der UdSSR und der USA, in Libyen und dem Nahen Osten. Der Durchbruch von C.L. kam, als Leah Green, damals Direktorin des Eaststewards Projektes âBŸrgerdiplomatie im Mittleren Osten’, diese Methode 1996 in ihrer Delegation nach Israel und PalŠstina anwendete. Ein Deutsch-JŸdische Versšhnungsprojekt unter der Schirmherrschaft vom Internationalen Versoehnungsbund, Deutscher Zweig (www.versoehnungsbund.de/listening) und The Compassionate Listening Project, USA (www.compassionatelistening.org/germany.html) entstand nach diesem Vorbild im Jahre 2002.
Aehnlich arbeitet auch der Konfliktforscher Herbert C. Kelman. Er fŸhrt seit den 70er Jahren Workshops zwischen Israelis und PalŠstinensern durch, nach seinem Konzept des interactive problem-solving. Zu erwŠhnen sind ferner Johan Galtung und Marshall Rosenberg, die ebenfalls die Auffassung vertreten, dass eine Verbesserung der Kommunikation sich nur erreichen lŠsst, wenn beide Seiten Gelegenheit haben, ihre (unbefriedigten) GrundbedŸrfnisse, ihre BefŸrchtungen und WŸnsche zu teilen und zu analysieren.
Methode und Haltung
Compassionate Listening ist Methode und innere Haltung zugleich - jedoch kein Dialog. Es geht darum, sich und dem GegenŸber (dem Anderenâ dem Feind, dem TŠter) wertfrei, nicht urteilend und einfŸhlend zuzuhšren. Dadurch wird es mšglich, das Menschliche im Anderen zu erkennen, die Geschichte des Anderen zu verstehen. Dies bedeutet nicht, die Sichtweise des GegenŸbers Ÿbernehmen zu mŸssen. Es geht nicht um ârichtig’ oder âfalsch’ oder um eine âobjektive’ Wahrheit. Die ZuhšrerInnen suchen die Wahrheit der erzŠhlenden Person, indem sie deren Weg und deren Sichtweise anerkennen.
EinfŸhlsames Zuhšren durchbricht die Barrieren von Misstrauen und Verteidigung, schafft neue Einblicke und kann zutiefst heilend sein sowohl fŸr diejenigen, welchen zugehšrt wird, als auch fŸr den Zuhšrer. Es geht darum, den Schmerz des Anderen zu verinnerlichen, ohne ihn zu seinem zu machen. Feindbilder werden in GefŸhle und BedŸrfnisse Ÿbersetzt.
In Begegnungen werden die TeilnehmerInnen in Compassionate Listening - EinfŸhlsam Zuhšren ausgebildet. Die einen schenken ihre Geschichte, die anderen ihre mitfŸhlende Anteilnahme. GesprŠche finden in einer AtmosphŠre von Respekt, einladender Aufmerksamkeit und MitgefŸhl statt. Es geht darum, seinen ãFeind“ zu treffen, den Menschen hinter dem Stereotypen, und die Welt des anderen sehen zu lernen, zu erspŸren, zu verstehen und: zu wŸrdigen.
Grenzen und Probleme
Frieden wŠchst langsam
Der Weg durch EinfŸhlsam Zuhšren ist sanft, behutsam-langsam und ein an konkreten Einzelnen orientierter Vorgang. Hier gibt es in der Natur der Sache EinschrŠnkungen. Gerade wegen der Orientierung an konkreten Einzelnen greift die Methode nur langsam, wo Kollektive, Kollektiv-Mechanismen am wirken sind, die es verhindern, den jeweils konkreten Anderen als solchen Ÿberhaupt noch wahrzunehmen. Gesehen wird nur mehr ein Kollektiv-Singular, der Russe”, der “Jude”. Andererseits ist die Methode gerade hier besonders erfolgreich: ein Mensch trifft den anderen Ÿber Rasse, Religion, Kultur hinaus.
WŠhrend sozialwissenschaftlich-analytisch gesehen im strengen Sinne immer nur konkrete Menschen handeln, tun sie es doch oft als RollentrŠger in gro§en ZusammenhŠngen. Dies ermšglicht ihnen, persšnliche Verantwortung abzuschieben und zu verdrŠngen, wie z.B. im Dritten Reich die âindustrielle Vernichtung’ der Juden. DarŸber hinaus besteht die derzeitige Welt aus einer solchen Organisationen-Welt. Von Firmen-Leitungen sowie von Regierungen werden Schicksale von Mensch und Umwelt entschieden unter der jeweiligen Rollen-Perspektive (Gewinn-Maximierung, Wiederwahl etc.), die als solche nicht illegitim ist, aber doch zur Ausblendung von RealitŠten fŸhren kann. Die Frage ist, wie der âBlick fŸr die konkreten Folgen’ immer wieder geweckt werden kann.
Die von unten initiierten psychosozialen Versšhnungsprozesse zwischen Bevšlkerungsgruppen in und nach Konflikten unterscheiden sich von instrumentellen Friedensprozessen, die von oben nach unten verlaufen. Schriftlich vereinbarter Frieden -ein Vertrag z.B. zwischen Regierungen - kann buchstŠblich Ÿber Nacht geschlossen werden. Doch der Frieden zwischen Menschen wŠchst langsam, durch das Aufbauen von Beziehungen. Frieden schaffen, indem Menschen verschiedener Všlker und Kulturen aufeinander zugehen und in anderen nicht nur den Fremden, sondern auch den Mitmenschen erkennen. Gerade diese Kleingruppenprozesse sind fŸr eine mšgliche langfristige Konfliktregelung notwendig und sind auch auf andere gegenwŠrtige Konflikte zwischen Gruppen oder Individuen Ÿbertragbar.
[1] The Compassionate Listening Project”, www.compassionatelistening.org,
www.bermanhealingarts.com/3_compassion/index.htm
[2] Carol Hwoschinsky: Listening with the Heart, A Guide for Compassionate Listening, 2001
The Compassionate Listening Project”, www.compassionatelistening.org,
www.bermanhealingarts.com/3_compassion/index.htm
Carol Hwoschinsky: Listening with the Heart, A Guide for Compassionate Listening, 2001